Heute bin ich im Unterricht mal wieder auf das Phänomen gestoßen, dass man die Reaktionen von Schülern auf bestimmte Themen trotz noch so guter Vorbereitung einfach nicht vorausahnen kann. Dies ist ja auch gar nicht besonders dramatisch, gerade im Deutschunterricht hat man ja als Lehrer den Spielraum, Interpretationen unterschiedlicher Art gelten zu lassen, aber dennoch… überrascht war ich schon. Denn eigentlich denke ich, dass ich sowohl hinsichtlich des Alters als auch der sozialen Herkunft meinen Oberstufenschülern relativ nahe bin, näher jedenfalls als so manch anderer Lehrer. Aber so nahe offenbar doch nicht.
So wurde ich heute im Deutschunterricht davon überrascht, dass die Interpretation der Schüler zur Beziehung zwischen Faust und Gretchen so dermaßen an meiner vorbeiging, dass auch mehr oder weniger suggestive Fragen die Schüler nicht einmal ansatzweise in meine Richtung lenken konnten. Nicht dass ich sie davon überzeugen wollte, dass ich Recht habe, davon ist mein Deutschunterricht nun wirklich meilenweit entfernt, aber dass sie sich nicht einmal darauf einlassen wollten, meine Sicht der Dinge einzunehmen, hat mich dann schon überrascht.
Es ging wie gesagt um die Beziehung, bzw. die sich anbahnende Beziehung zwischen Faust und Gretchen und um die Frage, wie aktiv und passiv sich die beiden in verschiedenen Szenen verhalten. Dabei konnte man feststellen, was wir in einem Diagramm an der Tafel verdeutlich haben, dass Faust ein durchgehend aktiver Part in dieser Beziehung ist, während Gretchen sich zunächst passiv, ja sogar abweisend verhält und sich erst im Laufe der Zeit immer mehr auf die Beziehung einlässt, bis sie selbst auch aktiv wird.
Die Schüler antworteten auf meine Frage, wie sie denn diese Art von Beziehung bewerten würden, sehr lebhaft, waren aber einstimmig der Ansicht, dass dieses Verhalten völlig normal sei, dass der Mann in einer Beziehung ja immer der aktive Part sei und dass er die Frau erobern müsse. Und eine Frau, die sich sofort auf einen Mann einließe, sei moralisch auch nicht besonders hoch zu bewerten. Ich war von dieser Eindeutigkeit der Meinung schon überrascht. Immerhin wirbt da ein 30jähriger (eigentlich ohne Verjüngung 60jähriger) Mann mit allen Mitteln um ein ca. 14jähriges Mädchen. Selbst wenn man mal Mephisto aus dem Spiel lässt, dürfte doch der Gedanke erlaubt sein, dass dieser Mann nicht unbedingt nur hehre Absichten hat und dass sein rigoroses Werben um eine so junge, unschuldige Frau ja doch auch Fragen aufwirft. Ich dachte nämlich sofort, dass wenn mich ein Mann so umwürbe, dass sofort mindestens fünf Freundinnen Warnungen aussprechen würden, dass so ein Verhalten nicht nur Gutes bedeuten könnte.
Ok, langsam wird dieser Blog etwas zu privat. Was ich damit eigentlich sagen wollte, ist, dass man sich offenbar immer wieder klar machen muss, dass man sich an vielen Stellen in Schüler einfach nicht hineinversetzen kann, da man, gerade was Literatur angeht, nur allzu häufig in seinen eigenen Vorstellungen und Erfahrungen gefangen ist. Ich glaube auch gar nicht, dass das schlecht ist, im Gegenteil. Es macht den Unterricht erst spannend. Schwierig ist halt häufig nur, adäquat damit umzugehen. In diesem Fall war das nun nicht so schwierig, ich freue mich ja, dass die Schüler offenbar keine schlechten Erfahrungen mit Beziehungen gemacht haben und daher gewisse Gefahren auch nicht voraussehen, und ich habe dann auch kein Problem, ihnen meine Sicht der Dinge mitzuteilen. Man muss nur klarstellen, dass gerade im Bereich der Literatur oft eindeutige Interpretation nicht möglich ist.
Und so berührt auch dieser Eintrag im Grunde das Thema, das mich seit Beginn des Referendariats beschäftigt und von dem ich nicht weiß, ob ich es bald lösen kann: Wie offen soll Unterricht sein bzw. wie viel Ergebnisse muss aber dennoch am Ende dastehen? Es ist die größte Aufgabe, die ich gerade im Deutschunterricht sehe, immer wieder Wege zu finden, Unterricht zwar offen und den Umgang mit Literatur kreativ zu gestalten, am Ende aber dennoch gesicherte Ergebnisse mit den Schülern erarbeiten zu können.
Ich arbeite daran…