Zu allererst: wie krass ist das bitte, dass ich nach einem 6-Stunden-Tag auch noch Portfolio schreibe! Aber die Erfahrungen und das Gespräch mit meiner koordinierenden Mentorin ist gerade noch so frisch, zudem fand ich den heutigen Tag sehr aufschlussreich und motivierend, erstaunlich, wie einen manchmal ein einziger Schultag weiter bringt als mehrere Schulwochen.
Also, Individualisierung und Binnendifferenzierung:
Ich habe heute in der 7. Klasse in Latein eine neue Gruppenarbeitsregelung eingeführt, Dreier- oder Vierer-Gruppen (bisher haben wir Übersetzung meistens in Partnerarbeit gemacht), Rollenkarten, homogene Gruppenzusammensetzung. Vor allem letzteres wollte ich hier jetzt mal kommentieren, weil das ja das ist, was mit Individualisierung zu tun hat.
Ich bin bei der Sitzordnung des Kurses zunächst die Strategie gefahren, dass ich immer ein Pärchen aus einen stärkeren und einem schwächeren Schüler gebildet habe, in der Hoffnung, dass die Schwächeren so etwas von den Stärkeren profitieren können, was mitunter auch gut funktioniert hat, manchmal aber auch überhaupt nicht. Heute habe ich etwas anderes ausprobiert. Ich habe bei vier Vierergruppen die Leistungsstärksten in eine Gruppe gesteckt und auch die anderen drei Gruppen möglichst leistungshomogen gestaltet. Meine Mentorin hat das sehr gelobt, was mich natürlich sehr gefreut hat, ich hatte auch das Gefühl, das es dem ganzen Kurs gut getan hat, da die Leistungsstärkeren jetzt nicht mehr den anderen vorsagen konnten, und die Schwächeren jetzt auch nicht mehr das Gefühl hatten, naja, xy kann das eh besser, ich lasse sie/ihn mal machen. Die Gruppen haben alle sehr gut gearbeitet, es entstand irgendwann sogar eine Art Wettkampf, wer schneller mit der Übersetzung fertig war, und ich hatte wirklich den Eindruck, dass die Schüler Spaß an der Sache hatten. Und auch die Arbeit in den Gruppen funktionierte trotz anfänglichem Protest erstaunlich gut, ganz ohne die übliche Kabbeleien und Albernheiten.
Trotz alledem sehe ich einige Probleme, die ich hier gern einmal festhalten möchte, sie werden sicherlich immer wieder auftauchen. Zum einen sehe ich ein Problem hinsichtlich des Klimas im Kurs. Natürlich haben die Kinder sofort gemerkt, dass ich alle Einser-Kandidaten in eine Gruppe gesteckt hatten. Die kamen sich natürlich total toll vor und haben das auch mit einigen Sprüchen deutlich gemacht, weshalb ich einige Male einschreiten musste. Ich weiß nicht, ob das nicht die Motivation des restlichen Kurses etwas gedrückt hat. Andererseits werden sie ja tagtäglich mit Leistungsunterschieden konfrontiert. Zum anderen hat diese Expertengruppe natürlich ein unglaubliches Tempo vorgelegt. Dies hatte ich zwar vorausgesehen und auch eine zusätzliche Aufgabe für die Gruppe vorbereitet, aber dennoch hatte ich den Eindruck, dass, obwohl das eine echt nette Aufgabe war, die Gruppe sich fast ein bisschen bestraft fühlte, weil sie jetzt mehr machen sollte als die anderen, obwohl ich das eigentlich so verkaufen wollte, dass sie durch die zusätzlichen Aufgaben ja immer besser werden, was durchaus in ihrem Sinne ist. Den anderen SuS hätten diese Extra-Aufgaben natürlich genausogut wenn nicht noch besser getan als der Expertengruppe, aber das wird wohl ein Dilemma bleiben, schätze ich. Um diese Diskrepanz (die für den Unterricht ja auch ein Zeitplanungsproblem darstellt) demnächst etwas abzuschwächen, habe ich (auch eine Anregung meiner Mentorin, die das von einem Mathe-Referendar kannte) vor, mit Tipp-Karten zu arbeiten. Wenn eine Gruppe also gar nicht mehr weiter weiß, kann sie sich vorne einen Tipp holen und den benutzen. Ich halte das für sinnvoller von vornherein verschiedene Arbeitsblätter mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen zu entwerfen, erstens wäre das viel mehr Arbeit und außerdem fühlen sich schwächere Schüler, die dann das AB mit den umfangreicheren Hilfen bekommen, schnell benachteiligt und bloßgestellt. Da finde ich diese freiwillige Arbeit mit den Tipp-Karten viel besser.
Das wäre also Latein.
Meines Erachtens VIEL schwieriger:
Binnendifferenzierung und Individualisierung in Deutsch in der Oberstufe.
Ich finde es nämlich gerade in Deutsch schon so viel schwieriger auszumachen, wie man überhaupt stärkere und schwächere Leistungen beurteilt, wie man also homogene Gruppen zusammenstellen könnte. Davon abgesehen, dass ich zwei Drittel aus meinem Deutschkurs erst seit zwei Wochen kenne. Natürlich gibt es unterschiedliche Abstraktionsgrade, zu denen die SuS fähig sind. Aber das kann man wiederum auch nicht pauschalisieren, da der eine vielleicht gut mit literarischen Texten umgehen kann, der andere besser mit Sachtexten, wieder einer hat ein hervorragendes sprachliches Ausdrucksvermögen, ein anderer kann toll schreiben, es gibt so wahnsinnig viele unterschiedliche Spielarten für gute Leistungen im Deutschunterricht. Da wenigstens ansatzweise leistungs- oder vorliebenshomogene Gruppen zusammenzustellen finde ich unfassbar schwer.
Das zweite Problem, das auf dem Fuße folgt, ist es, selbst wenn ich in der Lage wäre, einigermaßen leistungshomogene Gruppen zusammenzustellen, Arbeitsmaterial und Arbeitsaufträge mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen herzustellen. Ich kann vielleicht bei der Analyse einer Textstelle den einen den Auftrag geben, den Text zusammenzufassen, andere bekommen tiefergehende Aufgaben. Aber damit erschöpft sich ja nicht der Deutschunterricht allgemein. Und was ist mit kreativen Aufgaben, die ja so oft das Hauptgeschäft des DU ausmachen? Wie kann bei kreativem Umgang mit Texten leistungsheterogenität eine Rolle spielen? Wie entscheide ich, wieviel Kreativität ich jemandem zutraue? Hier stoße ich wirklich an meine Grenzen. An sich sind ja kreative Aufgaben schon Individualisierung genug, finde ich, da sich hier jeder auf seine Weise verwirklichen kann. Zählt das auch?
So, genug Reflexion für heute.